„Das Ende der Dummheit”
3. Februar 2026
Lesedauer:
8 Minuten
Energie, Gebäude, Mobilität und digitale Assistenzsysteme stehen vor einem gemeinsamen Wendepunkt: Erstmals wachsen bislang getrennte technologische Welten zu einem lernenden, vernetzten Lebensumfeld zusammen. Im Interview sprechen wir mit Lars Thomsen, Gründer und Chief Futurist der future matters AG und weltweit führender Zukunftsforscher, der uns genau dieses Zusammenspiel erläutert: Gebäude als aktive digitale Knotenpunkte, Datenräume als neue gesellschaftliche Infrastruktur und Künstliche Intelligenz (KI), die den Alltag nicht nur technischer, sondern auch menschlicher macht. Seine Perspektiven zeigen, warum SmartLivingNEXT mehr ist als ein Technologieprojekt: nämlich ein strategischer Ansatz für ein souveränes, gemeinwohlorientiertes und vernetztes Smart Living in Europa.
Herr Thomsen, wie sieht ein Alltag aus, in dem Energie, Gebäude, Mobilität und Assistenzsysteme nicht mehr als getrennte Welten auftreten, sondern als ein einziges, lernendes System zusammenarbeiten?
Wir stehen an einem sehr großen Wendepunkt gleich mehrerer Industrien: Erstmals können Energie, Mobilität, Gebäude und digitale Assistenzsysteme als ein gemeinsames, lernendes Umfeld auftreten, das alle Menschen entlastet, unterstützt und im Hintergrund mit- und vorausdenkt. Was bislang in separaten technischen Silos existierte, wächst zu einer organischen Infrastruktur zusammen, die intuitiv, zuverlässig und selbstoptimierend ist. Ich bezeichne diesen Übergang gern als das „Ende der Dummheit“, weil Technologien endlich die Fähigkeit erwerben, Muster zu erkennen, sich selbst zu verbessern und Verantwortung im Sinne des Menschen zu übernehmen – ähnlich wie wir es von einem smarten, also kompetenten und emphatischen Menschen erwarten.
Wenn diese Systeme sicher und intelligent miteinander verbunden werden, entsteht ein Umfeld, das konstant lernt und sich den Bedürfnissen seiner Bewohner anpasst. Das komplexe Management der Technologien tritt in den Hintergrund, während der Alltag menschlicher, leichter und sorgenfreier wird. Entscheidungen werden einfacher, Routinen smarter, Energie effizienter genutzt, Sicherheit und Komfort steigen – und wir gewinnen Zeit und Freiheit zurück. Genau dieses Zusammenspiel bildet die Grundlage für das, was SmartLivingNEXT aus meiner Sicht ermöglicht: Ein smartes Lebensumfeld, welches Menschen und der Gesellschaft dient und nützt, und dabei nicht technischer wirkt, sondern menschlicher.
Welche neuen Wertschöpfungsmodelle entstehen, wenn Gebäude nicht länger nur Orte sind, sondern aktive digitale Knotenpunkte im vernetzten Leben?
Sobald Gebäude und Wohnungen nicht mehr als statische Orte gedacht werden, sondern als aktive, digitale Knotenpunkte, verändert sich ihre Rolle grundlegend. Sie werden zu Teilnehmern einer vernetzten Ökonomie, die Energieflüsse steuert, Services koordiniert, Mobilität integriert, Daten austauscht und damit ganz neuen Nutzen, Komfort und werterzeugende Dienste eröffnet. Ein Gebäude, das versteht, wie Menschen leben, welche Energiemuster entstehen, welche Mobilitätsbedarfe relevant sind, und welche Gesundheits- oder Assistenzanforderungen existieren, wird vom Objekt zum Partner.
Wert entsteht dann nicht mehr durch Quadratmeter oder Lage, sondern durch Kontextintelligenz: Die Fähigkeit des Gebäudes, zu entlasten, zu optimieren, persönliche Services anzubieten und gleichzeitig Datenräume zu speisen, die souverän, sicher und gesellschaftlich sinnvoll genutzt werden können. So entstehen neue Geschäftsmodelle für Betreiber, Kommunen und Unternehmen, die Services, Assistenzfunktionen oder datenbasierte Anwendungen entwickeln. Das Gebäude der Zukunft ist damit weder ein bloßer zu managender Kostenfaktor noch ein statisches Asset, sondern ein lernendes System, das für Bewohner und Anbieter gleichermaßen produktiv wird. SmartLivingNEXT schafft genau die Infrastruktur, um diese Entwicklung möglich zu machen.
Wenn man zehn Jahre vorspult: Welche Rolle spielen Datenräume als Infrastruktur?
In zehn Jahren werden Datenräume den gleichen Stellenwert haben wie heute Strom- oder Verkehrsnetze, allerdings mit einer entscheidenden Erweiterung: Sie bilden die semantische Schicht, über die Wirtschaft und Alltag überhaupt erst miteinander kommunizieren können. Datenräume fungieren als gemeinsames Betriebssystem für Menschen, Betreiber, Kommunen und sichere KI in Europa. Sie schaffen standardisierte, souveräne, vertrauenswürdige Kommunikations- und Austauschstrukturen, die technische Fragmentierung überwinden und KI-Systemen ermöglichen, nicht nur Muster zu erkennen, sondern Zusammenhänge zu verstehen.
Ohne einen solchen diskriminierungsfrei und allen zugänglichen semantischen Unterbau bleibt der volle Nutzen von Daten und KI stets ein Flickenteppich. Mit ihm entsteht ein offener, innovationsfähiger und selbstbestimmter Markt. Aus diesem Grund sehe ich Datenräume als eine der entscheidendsten Infrastrukturen der kommenden Dekade.
Welcher technologische Trend wird Ihrer Einschätzung nach den größten Sprung auslösen?
Der große Sprung entsteht durch das Zusammenwachsen zweier Entwicklungen: KI-Systeme, die Kontext verstehen und semantisch lernen und denken können, und dezentrale Infrastrukturen, die lokal Entscheidungen treffen. Wenn diese beiden Kräfte verschmelzen, verwandeln sich Gebäude, Wohnungen, aber auch Fahrzeuge und Energiesysteme in autonome, lernende Organismen, die in Echtzeit agieren und sich selbst verbessern. Diese Entwicklung wird unseren Alltag und unsere Produktivität stärker verändern als jede Innovationswelle der vergangenen Jahrzehnte. Sie schafft ein Umfeld, das nicht als digitaler, sondern intuitiver und menschlicher erlebt wird.
Gemeinwohlorientierte KI als europäischer Gegenentwurf: warum ist das wichtig für Smart Living?
Smart Living kann nur funktionieren, wenn Vertrauen die Basis bildet – nicht die Marktmacht von Hyperscalern. Wenn Gebäude, Energie und Mobilität miteinander interagieren, müssen Menschen sicher sein, dass Technologie ihre Interessen vertritt und eben nicht nur einer Plattform, einem Konzern oder einem proprietären Ökosystem eines kommerziellen globalen KI-Spieler dient. Europa hat die Chance, hier ein global sichtbares neues Modell zu entwickeln: KI, die transparent, souverän, erklärbar und in gesellschaftliche Werte eingebettet ist. Gemeinwohlorientierte KI schafft ein technologisches Fundament, welches lokale Zusammenarbeit statt globale Abhängigkeit fördert, Datenhoheit und Persönlichkeitsrechte wahrt und lokale wie nationale Wertschöpfung stärkt. Aber dies ist kein moralisches Projekt, sondern ein strategisches. Ein Modell, das zu Europas Kultur, Werten und ökonomischen Interessen passt. Für ein vernetztes Lebensumfeld wie Smart Living ist eine solche Form der KI nicht eine Option, sondern eine Voraussetzung.
Welche strategischen Entscheidungen sollten europäische Unternehmen jetzt treffen?
Europäische Unternehmen sollten sich bewusst machen, dass die kommenden Jahre nicht linear verlaufen werden. Vielmehr gibt es zahlreiche Trendbrüche, Disruptionen in Technologien und Geschäftsmodellen, aber auch enorme Chancen für diejenigen, die diese Veränderungen schneller verstehen als die anderen. Energie, Mobilität, Gebäude und Services wachsen zu einem einzigen Markt zusammen, der durch Datenräume, KI und Edge-Intelligenz definiert wird. Die Unternehmen, die jetzt beginnen, sich in diese neuen vernetzten Ökosysteme hineinzuentwickeln, werden die Standards setzen, an denen andere sich orientieren müssen.
Entscheidend ist, schnell zu lernen, mutig zu experimentieren und den eigenen Horizont konsequent in Richtung Vernetzung zu erweitern. Die Zukunft gehört jenen Organisationen, die sich als Teil eines lernenden Systems verstehen. Erfolgreich werden nicht diejenigen sein, die abwarten, bis sich Märkte konsolidieren, sondern die, welche früh kontextfähig werden und verstehen, wie Gebäude, Energie, Mobilität, Daten und Services miteinander verschmelzen. Die wichtigste Entscheidung lautet daher: nicht zögern, sondern gestalten. Wer heute den Kontext nicht aktiv mitdefiniert, verliert morgen seine Relevanz in einem Markt, der stärker von Interoperabilität als von individuellen Produkten geprägt sein wird.
Artikel im Audio-Format:
Redaktion:
Ilka
Klein
Kategorie:
SmartLivingNEXT
Bleiben Sie informiert über die neuesten Entwicklungen rund um SmartLivingNEXT: