Herr Schidlack, was sind Ihrer Meinung nach die wesentlichen Unterschiede zwischen einer klassischen Plattform und einem föderierten Datenraum? 

Eine klassische Plattform basiert auf einem zentralen System, das alle Daten sammelt und in der Regel unter der Kontrolle eines einzigen Betreibers steht, hier oftmals eines globalen Hyperscalers. Dagegen funktioniert ein föderierter Datenraum anders: Er speichert keine Daten selbst, sondern verbindet vorhandene Datenquellen durch standardisierte Regeln und Verfahren. Die Daten verbleiben an ihrem Ursprungsort und somit unter der Kontrolle ihrer Eigentümer.  

Für die digitale Transformation von Gebäuden bringt dieser Ansatz große Vorteile. Er fördert eine offene Datenlandschaft, in der verschiedene Systeme und Akteure miteinander interagieren können, ohne dass es eine zentrale „Datenhoheit“ gibt. Dies führt zu einer verbesserten Anpassung an individuelle Anforderungen und einer höheren Datensicherheit.  

Welche Hauptvorteile sehen Sie in einem föderierten Datenraum im Vergleich zu traditionellen Plattformansätzen? 

Ein föderierter Datenraum bietet vor allem drei große Vorteile: Datensouveränität, Sicherheit und Interoperabilität. Unternehmen behalten die vollständige Kontrolle über ihre eigenen Daten und können dennoch sicher zusammenarbeiten und Services über Unternehmensgrenzen hinweg entwickeln. Dies stärkt das Vertrauen, erleichtert die Skalierung und senkt die Integrationskosten.  Außerdem werden durch föderierte Modelle Sicherheitsaspekte besser berücksichtigt, da die Daten nicht zentral gesammelt werden, was das Risiko eines Angriffes oder Missbrauchs minimiert. Schließlich ist die Interoperabilität zwischen verschiedenen Systemen und Akteuren wesentlich einfacher zu erreichen, da der föderierte Ansatz auf offenen Standards basiert. 

Wie wird der föderierte Datenraum bei SmartLivingNEXT konkret eingesetzt, und welche Vorteile bietet er dabei? 

SmartLivingNEXT nutzt den föderierten Datenraum als technische und organisatorische Grundlage, um die Daten aus Gebäuden zusammenzuführen.  Zudem kann der Datenraum verschiedene domänenübergreifende Netzwerke integrieren, so etwa im Bereich Energie, Gesundheit oder Kommunen. Die Vorteile: sichere Datenfreigabe, reduzierte Komplexität, schnellere Integration und die Schaffung eines Marktes ohne Insellösungen. 

Welche Herausforderungen sind mit der Implementierung eines föderierten Datenraums verbunden? Wie kann man diese überwinden? 

Eine der größten Herausforderungen bei der Implementierung eines föderierten Datenraums ist die Standardisierung. Da verschiedene Akteure oft unterschiedliche Technologien und Datenformate verwenden, müssen Interoperabilitätsstandards definiert und eingehalten werden. Darüber hinaus ist eine einheitliche Semantik wünschenswert. Zudem erfordert der Aufbau eines föderierten Systems eine enge Zusammenarbeit zwischen den Beteiligten, was organisatorische Hürden mit sich bringen kann. Diese Herausforderungen können durch standardisierte Blueprints, klare Governance-Strukturen, rechtssichere Rollenmodelle und ein einfaches, nachvollziehbares Onboarding-Modell überwinden, was gleichzeitig einen kostengünstigen Betrieb ermöglicht. 

Inwieweit ermöglicht ein föderierter Datenraum die Datensouveränität und -sicherheit im Vergleich zu zentralisierten Plattformmodellen? 

Ein föderierter Datenraum stärkt die Datensouveränität erheblich, da die Eigentümer der Daten selbst entscheiden können, welche Informationen sie teilen und welche nicht. Im Gegensatz zu zentralen Plattformen, bei denen die Daten an einem einzigen Punkt zusammenlaufen bietet der föderierte Ansatz eine dezentrale Struktur, die die Sicherheit der Daten erhöht. Der Datenzugriff wird über Zertifikate geregelt, diese können auch zeitlich begrenzt werden. Durch die Kontrolle über den eigenen Datenraum kann das Vertrauen zwischen den Akteuren gestärkt und Risiken minimiert werden. 

Wie sehen Sie die Rolle von Interoperabilität und Standards in einem föderierten Datenraum, insbesondere in Bezug auf verschiedene Akteure und Technologien? 

Gemeinsame Standards sind essenziell für den Erfolg eines föderierten Datenraums. In einem Umfeld, in dem viele verschiedene Akteure mit unterschiedlichen Technologien und Systemen zusammenarbeiten, müssen klare Standards für den Austausch von Daten definiert werden. Diese Standards sorgen nicht nur für eine reibungslose Kommunikation zwischen verschiedenen Systemen, sondern auch für die Sicherheit und Integrität der Daten. Nur wenn alle Beteiligten dieselben Regeln befolgen, kann ein föderierter Datenraum effizient und sicher betrieben werden. Daher gilt: Ohne gemeinsame Standards gibt es kein funktionierendes Ökosystem. Eine einheitliche Semantik, offene Schnittstellen und Gaia-X-konforme Regeln gewährleisten, dass Geräte, Dienste und Branchen miteinander kommunizieren können. Dies ermöglicht herstellerübergreifende Services, etwa im Bereich Energieeffizienz oder digitale Assistenzsysteme. 

Welche technologischen und rechtlichen Hürden müssen Unternehmen überwinden, wenn sie von einer Plattformstruktur auf einen föderierten Datenraum umsteigen möchten? 

Technologisch müssen Unternehmen Schnittstellen harmonisieren, sichere Konnektoren implementieren und eine klare Datenklassifikation vornehmen. Die gemeinsame Semantik spielt eine Schlüsselrolle, damit Daten aus verschiedenen Systemen sinnvoll zusammenarbeiten können. Auf der rechtlichen Seite sind Datenschutz, Rollenmodelle, Verträge und Governance-Regeln entscheidend. In unserem Forschungsprojekt SmartLivingNEXT haben wir bereits Muster-Lösungen entwickelt, wie standardisierte Blueprints, Semantik-Modelle, technische Konnektoren und Governance-Bausteine, die den Übergang zu einem föderierten Datenraum erheblich erleichtern. 

Könnte ein föderierter Datenraum langfristig die Art und Weise verändern, wie Unternehmen ihre Daten strategisch nutzen, insbesondere im Hinblick auf Smart Living und Smart Building? 

Ja, langfristig könnte ein föderierter Datenraum die Art und Weise verändern, wie Unternehmen ihre Daten nutzen. Durch die Dezentralisierung der Datenhoheit erhalten Unternehmen mehr Kontrolle und Flexibilität bei der Nutzung und dem Austausch von Daten. Dies ermöglicht ihnen, neue datenbasierte Geschäftsmodelle und effizientere Services zu entwickeln, die auf den spezifischen Anforderungen der Gebäudetechnik und des Smart Living basieren. Ein föderierter Datenraum könnte somit zu einem Katalysator für die digitale Transformation in der Branche werden und damit einen echten Mehrwert im Gebäudesektor liefern, etwa durch Energieoptimierung oder intelligente Assistenz- und Sicherheitsdienste. 

Wie wichtig sind Partnerschaften und Kooperationen im Kontext eines föderierten Datenraums? Welche Rolle spielen sie bei der erfolgreichen Umsetzung? 

Partnerschaften und Kooperationen sind im Kontext eines föderierten Datenraums von entscheidender Bedeutung, da dieser von der Beteiligung unterschiedlicher Akteure lebt. Partnerschaften schaffen Vertrauen, ermöglichen die kritische Masse und eröffnen verschiedene Anwendungsfälle. SmartLivingNEXT baut eine robuste Community auf und schafft klare Governance-Strukturen, die eine verlässliche Zusammenarbeit ermöglichen. 

Abschließend: Wie sehen Sie die Zukunft des föderierten Datenraums im Vergleich zu zentralisierten Plattformen in der digitalen Transformation von Gebäuden? 

Föderierte Datenräume passen ideal zu europäischen Werten wie Datenschutz, Souveränität und fairem Wettbewerb. Sie entsprechen auch der Struktur vieler kleiner und mittlerer Unternehmen (KMU) in Europa, die von einem dezentralen Ansatz besonders profitieren. Im Gebäudesektor werden sich föderierte Modelle durchsetzen, da sie vollständige Interoperabilität ermöglichen, Abhängigkeiten reduzieren und echte, skalierbare Smart-Living-Lösungen bieten. Daher bin ich überzeugt, dass der föderierte Datenraum eine zentrale Rolle in der digitalen Transformation von Gebäuden und vor allem beim Einsatz von KI spielen wird. In Zukunft werden immer mehr Unternehmen auf föderierte Modelle setzen, um ihre Innovationspotenziale voll auszuschöpfen und gleichzeitig höchste Sicherheitsstandards zu gewährleisten. 

Artikel im Audio-Format:

Logo Bundesministerium für. Forschung, Technologie und Raumfahrt

nach oben springen