„SmartLivingNEXT könnte eine Blaupause für zukünftige europäische Datenräume werden”
2. April 2025
Lesedauer:
6 Minuten
Die Implementierung eines Datenraums nach europäischen Wertevorstellungen bringt eine Vielzahl von Herausforderungen mit sich, die sowohl Interoperabilität, Datenschutz, Sicherheit, Skalierbarkeit als auch die Integration von Künstlicher Intelligenz (KI) und Automatisierung betreffen. Im Interview sprechen wir mit Thomas Feld, Vice President Data Economics bei Materna Information & Communications SE, über die Chancen und Möglichkeiten eines souveränen und innovativen Datenökosystems für Europa und die wirtschaftlichen Potenziale einer europäischen Smart-Living-Plattform.

Herr Feld, die Idee einer europäischen Datensouveränität wurde bereits in unserem Vorgängerprojekt ForeSight entwickelt. Wie sieht es hier bei SmartLivingNEXT aus?
In SmartLivingNEXT setzen wir auf den technologischen Grundlagen und Kerntechnologien auf, die im Projekt ForeSightNEXT geschaffen wurden. Dazu gehören eine Infrastruktur und eine gemeinsame Basis für das Ökosystem, um den souveränen, sicheren und datenschutzkonformen Datenaustausch zu ermöglichen. SmartLivingNEXT schafft ein digitales Ökosystem im Wohnumfeld, an dem sich verschiedene Stakeholder aus der Wohnungswirtschaft und der Energiewirtschaft beteiligen können. Wir konnten auf große Datenbestände zurückgreifen, die als Silos organisiert waren. Es ist ein offenes Ökosystem mit einem föderierten Katalog entstanden, das Daten und Services von außen sichtbar macht, aber den europäischen Werten entspricht.
Materna ist Konsortialpartner bei SmartLivingNEXT, das einen souveränen Datenraum für energieeffizientes und nachhaltiges Wohnen entwickelt. Welche technischen und organisatorischen Herausforderungen sehen Sie bei der Implementierung eines solchen Datenraums nach europäischen Wertevorstellungen, und wie können diese überwunden werden?
Die Implementierung eines Datenraums nach europäischen Wertevorstellungen bringt eine Vielzahl von Herausforderungen mit sich, die sowohl Interoperabilität, Datenschutz, Sicherheit, Skalierbarkeit als auch die Integration von Künstlicher Intelligenz (KI) und Automatisierung betreffen. Es bedarf offener und standardisierter Schnittstellen wie GAIA-X, die eine nahtlose Integration ermöglichen. Für die Skalierbarkeit und Performance eines Datenraums bieten föderierte Datenräume, Edge Computing und AI-gestützte Datenverarbeitung vielversprechende Ansätze, die die Skalierbarkeit verbessern und gleichzeitig die Datenhoheit bei den Unternehmen belassen. Erforderlich ist eine Kombination aus offenen Standards, sicherer und skalierbarer Infrastruktur, AI-Governance, föderierten Cloud-Architekturen und Cybersecurity-Mechanismen, um Datenschutz, Interoperabilität und wirtschaftliche Effizienz sicherzustellen.
Aus organisatorischer Sicht müssen wir Governance-Strukturen, unternehmerische Akzeptanz, rechtliche Rahmenbedingungen, wirtschaftliche Anreize sowie die Koordination zwischen verschiedenen Stakeholdern adressieren. Präzise Governance-Strukturen müssen definieren, wer welche Daten nutzen, teilen und monetarisieren darf. Wir benötigen Mechanismen für den Zugriff, die Nutzungsrechte und die Verteilung der Wertschöpfung aus den bereitgestellten Daten. Erforderlich sind zudem eine enge Zusammenarbeit und Koordination zwischen allen Akteuren. Die Lösung ist eine zentrale Koordinierungsstelle oder ein neutraler Regulator, der sicherstellt, dass alle Beteiligten von den Datenräumen profitieren.
Welche langfristigen Auswirkungen erwarten Sie von Projekten wie SmartLivingNEXT auf die europäische Dateninfrastruktur?
Projekte wie SmartLivingNEXT sind mehr als nur technische Plattformen – sie sind Wegbereiter für eine souveräne, interoperable und ethische digitale Zukunft in Europa. Die europäische Datensouveränität wächst und die Abhängigkeit von Tech-Giganten sinkt. Es entstehen interoperable Datenräume und Datenökonomie. Zudem wird eine Plattformvielfalt gefördert. Langfristig können sich neue Geschäftsmodelle entwickeln und Unternehmen profitieren von der Monetarisierung von Daten. Wir bauen KI-Modelle mit europäischen Werten auf. Eine ethische und DSGVO-konforme Digitalisierung wird Standard, womit Akzeptanz und Vertrauen wachsen. SmartLivingNEXT könnte eine Blaupause für zukünftige europäische Datenräume werden, die sich in weiteren Branchen etablieren und die digitale Wettbewerbsfähigkeit Europas nachhaltig stärken.
Welchen technologischen Fortschritt können wir uns in Europa mit KI-Lösungen abseits der üblichen Sprachmodelle sichern?
Europa kann sich technologischen Fortschritt mit KI-Lösungen abseits von Sprachmodellen vor allem in Industrie, Gesundheitswesen, Mobilität und Cybersicherheit sichern. Durch Explainable AI, Federated Learning und Edge AI entstehen souveräne, datenschutzkonforme Systeme für Predictive Maintenance, personalisierte Medizin, autonome Fahrzeuge und adaptive Sicherheitssysteme. Diese Technologien stärken Europas digitale Souveränität, reduzieren Abhängigkeiten und ermöglichen nachhaltige, ethische KI-Innovationen.
Welche wirtschaftlichen Potenziale stecken in einer europäischen Smart-Living-Plattform – Stichwort echte Pionier-Innovation versus Abhängigkeit?
Eine europäische Smart-Living-Plattform ließe sich als echte Pionier-Innovation etablieren, indem sie Technologiehoheit, wirtschaftliche Unabhängigkeit und neue datengetriebene Geschäftsmodelle miteinander verbindet. Anstatt sich von US-amerikanischen oder chinesischen Plattformbetreibern abhängig zu machen, könnten europäische Unternehmen ein eigenes, sicheres und innovatives Ökosystem aufbauen – und damit die digitale Souveränität Europas weiter nachhaltig stärken.
Abschließend, Herr Feld: Was kann die Wirtschaft zu mehr Datensouveränität beitragen? – Erläutern Sie gerne ganz konkrete Maßnahmen für mehr Datensouveränität nach europäischen Wertvorstellungen im Smart-Living-Sektor.
Unternehmen im Smart-Living-Sektor verfügen über große Mengen an sensiblen Daten – von Verbrauchsdaten und Netzlastprognosen bis hin zu intelligenten Gebäudesteuerungen und Mieterinformationen. Zentrale Hebel sind die Unterstützung und Nutzung souveräner Cloud- und Dateninfrastrukturen sowie der Einsatz standardisierter Schnittstellen und Interoperabilität. Ein weiterer Beitrag liegt in der Stärkung der Datensouveränität auf der Ebene der Verbraucher. Unternehmen können Self-Sovereign-Identity (SSI)-Ansätze fördern, bei denen Mieter, Eigentümer oder Energieverbraucher die volle Kontrolle über ihre eigenen Daten behalten und selbst entscheiden, welche Anbieter oder Services darauf zugreifen dürfen.
Herr Feld, wir danken Ihnen für das angenehme Gespräch!
Redaktion:
Ilka
Klein
Kategorie:
Leitprojekt
SmartLivingNEXT
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